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Wenn die Schweiz den Deckel draufsetzt

  • Autorenbild: Remo Daguati, CEO LOC AG
    Remo Daguati, CEO LOC AG
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 10 Stunden

Nimmt die Schweiz die Zuwanderungsinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» an, wird sie sich nicht einfach etwas «weniger Zuwanderung» verordnen. Sie würde einen neuen Grundsatz formulieren: Die Zahl der Menschen im Land wird zur politischen Zielgrösse. Wollen wir diese neue Standortauslese?


Die Initiative verlangt, dass die ständige Wohnbevölkerung bis 2050 zehn Millionen nicht überschreitet; bei Überschreiten von 9,5 Millionen müssten Bundesrat und Parlament Massnahmen ergreifen, insbesondere bei Asyl und Familiennachzug. Als letztes Mittel steht auch die Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU im Raum.


Vom Zuwanderungsland zum exklusiven Club

Die Schweiz würde damit exklusiver. Nicht im touristischen Sinn, sondern im harten ökonomischen und gesellschaftlichen Sinn. Wer darf noch kommen? Welche Firma erhält noch Fachkräfte? Welche Branche bekommt Kontingente? Welche Familie darf nachziehen? Welche Ausbildung, welches Einkommen, welche Nützlichkeit für den Standort werden vorausgesetzt? Aus einer offenen Arbeitsmarktlogik würde schrittweise eine Selektionslogik: Zugang erhält, wer den höchsten Beitrag verspricht, die geringsten sozialen Folgekosten verursacht und politisch am besten begründbar ist.


Selektion nach oben?

Eine Variante wäre eine Selektion nach oben. Hochqualifizierte Fachkräfte, Forschende, Unternehmerinnen, Ärzte, Ingenieurinnen, IT-Spezialisten und kapitalkräftige Steuerzahler hätten wohl weiterhin gute Chancen. Weniger gut sähe es bei Menschen aus, deren Arbeit zwar systemrelevant, aber schlecht bezahlt ist: Pflegehilfen, Servicepersonal, Erntehelfer, Reinigungskräfte, Logistikmitarbeiter, Betreuungspersonal. Die Schweiz würde nicht einfach weniger abhängig von Zuwanderung. Sie würde versuchen, die weniger prestigeträchtigen Abhängigkeiten technisch zu ersetzen. Durch Automatisierung.


Mehr Roboterisierung und Humanoidisierung, weniger Pflege- und Erntehelfer

Aus einer Selektion nach oben ergibt sich eine zweite Konsequenz: Robotisierung. Landwirtschaft, Pflege, Sozialwesen, Logistik, Bau und Gastronomie würden stärker automatisiert. Melkroboter, Ernteautomatisierung, Pflegeroboter, humanoide Assistenzsysteme, digitale Betreuung, Self-Check-in, Lieferrobotik, das warme Essen im Restaurant aus dem Rollerboy: Was heute nach Utopie im fernen Asien klingt, würde zur Standortstrategie unseres Alltags. Die Schweiz hätte Geld, Druck und Fachkräftemangel genug, um solche Lösungen schneller einzuführen als andere Länder. Der Ausflug ins Restaurant ist weniger persönlich, die Körperpflege im Heim übernimmt der Humanoid.


Selektion nach unten?

Paradox wäre eine mögliche Selektion nach unten: Bildungsferne, rechtsaussen positionierte Milieus würden vor allem jene Ausländerinnen und Ausländer ausgrenzen, die ihnen kulturell, sprachlich oder gesellschaftlich als Bedrohung erscheinen – darunter gerade auch talentierte, urbane, gut ausgebildete Fachkräfte. Gleichzeitig würden sozialistische und gewerkschaftsnahe Kreise politisch mithelfen, dass weiterhin günstige Arbeitskräfte für Landwirtschaft, Pflege, Reinigung, Gastronomie oder einfache Dienstleistungen ins Land kommen, weil diese Bereiche ohne Zuwanderung kaum funktionieren. Die Schweiz würde damit nicht zwingend weniger Zuwanderung erhalten, sondern eine schlechtere: weniger Talente, weniger Unternehmer, weniger Innovationskraft – aber weiterhin billige helfende Hände für strukturschwache Branchen.


Dystopie oder mutige Wette?

Beide Szenarien einer Selektion nach oben wie unten sind düster und einseitig. Die Schweiz ist anpassungsfähig. Knappheit kann Innovation erzwingen. Ein Land, das weniger Menschen aufnehmen will, müsste produktiver, technologischer und effizienter werden. Das kann Fortschritt auslösen. Aber die soziale Frage verschwindet nicht. Wer pflegt die Alten, wenn menschliche Nähe nicht automatisierbar ist? Wer reinigt, baut, tröstet, betreut, erntet? Und wer entscheidet, welche Menschen «wertvoll genug» sind? Im Szenario der Selektion nach oben wäre die Annahme der Initiative deshalb weniger ein Ende der Zuwanderung als der Beginn einer neuen, wohl auch qualitätsorientierten Standortauslese. Die Schweiz würde nicht kleiner, sondern selektiver. Nicht zwingend ärmer, aber sozial härter. Nicht unbedingt unmenschlich, aber stärker nach oben und nach Leistung sortiert. Im Szenario der Selektion nach unten käme es dafür zur fatalen Umkehrung der Standortlogik. Statt wertschöpfungsstarke Zuwanderung zu ermöglichen, würde die Schweiz ausgerechnet dort bremsen, wo Produktivität, Forschung, Unternehmertum und Steuerkraft entstehen. Die Folge wäre kein souveräneres Land, sondern ein schleichender Abstieg in Wertschöpfung und Innovation.


Standortauslese


 
 

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