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Droht dem Wirtschaftsstandort Schweiz der «Perfect Storm»?

  • Autorenbild: Remo Daguati, CEO LOC AG
    Remo Daguati, CEO LOC AG
  • 4. Mai
  • 6 Min. Lesezeit

Die Schweiz ist ein erstaunlich erfolgreiches Land. Stabil, wohlhabend, innovativ, international vernetzt, politisch berechenbar. Diese Erzählung wird gefährlich, wenn sie zur Beruhigungspille wird. Denn während wir uns an den Errungenschaften der Vergangenheit wärmen, verändert sich die Weltlage radikal.


Industriepolitik kehrt zurück. Europa rüstet auf. Die USA koppeln Marktzugang, Investitionen, Preise und Standortpolitik knallhart zusammen. Asien skaliert. Kapital, Talente und Technologien wandern dorthin, wo Ambition, Tempo und Rahmenbedingungen stimmen. Die Schweiz ist es sich dagagen weiterhin gewohnt, über sich selbst in beruhigenden Formeln zu sprechen: stabil, innovativ, wettbewerbsfähig, verlässlich, international vernetzt. In der Vergangenheit wurde alles richtig gespurt. Diese in Watte gepackte Blase könnte jedoch schneller platzen, als uns allen lieb ist. Die gewagte These daher: vor der Schweiz zieht gerade ein perfekter Sturm auf.


Droht dem Wirtschaftsstandort der "Perfect Storm"?

Ein Perfect Storm bezeichnet das gleichzeitige Zusammentreffen mehrerer negativer Faktoren, die sich gegenseitig verstärken und dadurch eine Krise auslösen oder massiv verschärfen. Entscheidend ist nicht ein einzelnes Problem, sondern die Kombination: Was isoliert noch beherrschbar wäre, wird im Zusammenspiel systemisch gefährlich. Könnte der Schweiz so ein Perfect Storm tatsächlich drohen? Eine Krisenkumulation aus regulatorischem Druck, Investitionsabfluss, demografischem Altern, Wachstumsmüdigkeit, politischer Führungsschwäche, einer fehlgeleiteten Sicherheitspolitik und einem zunehmend romantischen Verhältnis zur eigenen Vergangenheit? Womöglich ist dieer Sturm schon erkennbar. Denn wenn ein Land parallel an sämtlichen Säulen seines Wohlstands und seiner Sicherheit sägt – den Life Sciences, dem Rohstoffhandel, dem Finanzplatz, der Sicherheitspolitik und der Versorgung mit Talenten - dann kann es gefährlich werden.


Life Sciences: Wenn Talente allein nicht mehr reichen

Die Life-Sciences-Industrie war lange der Inbegriff des Schweizer Standorterfolgs und gleichzeitig Wertschöpfungsmotor. Basel, Zürich, Zug, Schaffhausen, Waadt, Genf: Spitzenforschung, globale Konzerne, hochqualifizierte Arbeitskräfte, starke Zulieferer, exzellente Hochschulen. Doch genau diese Branche spürt inzwischen, dass der internationale Standortwettbewerb härter geworden ist.


Grossinvestitionen werden verschoben, priorisiert oder ins Ausland gelenkt. Die USA locken mit Marktnähe, industriepolitischem Druck, Forschungsclustern und dem weltweit wichtigsten Pharmamarkt. Gleichzeitig kämpft das politisch nicht ganz unausgewogen durchsetzte Bundesamt für Gesundheit (BAG) an der Heimatfront gegen steigende Medikamentenpreise und damit sehr direkt auch gegen diesen Sektor – Kaderleute bezeichnen die Life Sciences Branche in der Schweiz unverblümt als «Abzocker». Standortpolitisch entsteht damit ein erstes toxisches Spannungsfeld: Wer Life Sciences am Standort halten will, muss verstehen, dass Medikamentenpreise, Talente, Zulassungsregime, Produktionssicherheit und Marktzugang heute als Kombi-Paket für Standortreue gedacht werden. Die neue Faustregel lautet: Life Sciences gehen dorthin, wo Talente und Preisregime gleichermassen stimmen. Wer nur über Kostendämpfung spricht, aber die industrielle und forschungsbasierte Wertschöpfung als selbstverständlich betrachtet, riskiert, dass Forschung, Produktion und Investitionsentscheidungen schrittweise anderswo stattfinden. Es gibt schon viele Zeichen, dass am Standort Schweiz bereits ein toxischer Mix gebraut ist.


Rohstoffhandel: Wertschöpfung unter Generalverdacht

Ähnlich ambivalent ist die Lage im Rohstoffhandel. Die Schweiz ist einer der wichtigsten globalen Handelsplätze für Rohstoffe. Genf, Zug, Lugano und andere Standorte sind internationale Drehscheiben für Energie, Metalle, Agrarrohstoffe und Handelsfinanzierung. Die volkswirtschaftlichen Effekte dieser Drehscheibe für den Wohlstand in der Schweiz sind kaum sichtbar, aber erheblich. Doch der verschwiegene Sektor steht unter massivem Reputations- und Regulierungsdruck. Wenn ein Standort, der strategisch eine solch wichtige Branche immer mehr nur noch moralisch kommentiert, statt sie klug zu regulieren und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu halten, verliert Substanz. Der Rohstoffhandel klagt über zusätzliche Anforderungen, Unsicherheit und vor allem auch fehlende Hochleistungsinfrastrukturen für zeitgemässe Handelsmodelle. Digitale Netze, Dateninfrastruktur, Energieversorgung, Finanzierungsfähigkeit und internationale Rechtssicherheit sind keine Nebenthemen. Sie sind die Basis für globale Handelsplätze. Wenn andere Standorte schneller, pragmatischer und investitionsfreundlicher auftreten, entsteht ein Abwärtssog: Erst wandern Teams, dann Funktionen, dann Steuerbasis, dann strategische Relevanz.


Bankenplatz: Lasst uns die letzte Grossbank regulieren

Nach dem Untergang der Credit Suisse war klar: Die Schweiz muss Lehren ziehen. Finanzstabilität ist zentral. Niemand will eine Wiederholung des CS-Debakels. Aber auch hier droht aus einer berechtigten Korrektur eine strategische Überreaktion zu werden. Die UBS ist die letzte international relevante Schweizer Grossbank. Sie soll nun stärker reguliert werden, mit zusätzlichen Eigenkapitalanforderungen und politischer Sonderbehandlung. Das kann man aus Stabilitätsperspektive begründen. Standortpolitisch stellt sich aber eine zweite Frage: Will die Schweiz weiterhin ein global relevanter Finanzplatz sein – oder ein sauber regulierter Nischenplatz mit abnehmender internationaler Bedeutung? Ein Finanzplatz lebt nicht von Nostalgie. Er lebt von Kapital, Risiko, Vertrauen, internationaler Anschlussfähigkeit und regulatorischer Klugheit. Wer nur noch aus Angst reguliert, verliert am Ende nicht nur Risiken, sondern auch Chancen.


Defence Technologies: Europas Haupttrend – Schweiz an Seitenlinie

Der nächste industrielle Megatrend in Europa heisst Sicherheit. Nicht nur im engen militärischen Sinn, sondern als neues Innovationssystem: Drohnen, Sensorik, Cybersecurity, Satelliten, KI, Robotik, sichere Kommunikation, kritische Infrastrukturen, Resilienz, Energie- und Versorgungssicherheit. Defence Technologies sind nicht einfach Rüstung. Sie sind ein zentraler Treiber von Dual-Use-Innovationen. Viele Technologien, die militärisch relevant sind, haben zivile Anwendungen – und umgekehrt. Wer hier nicht mitspielt, verliert Anschluss an Zukunftsindustrien. Die Schweiz aber tut sich schwer. Sie will Sicherheit, aber möglichst ohne Investitionen. Sie will Neutralität ohne strategische Industriepolitik. Sie will Technologie, aber nicht offen anerkennen, dass Zukunftstechnologien sicherheitsrelevant sind. Sie will Rüstungsproduktion, behindert aber mit Exportrestriktionen und politischer Unsicherheit die industrielle Skalierung. Das Ergebnis: Unternehmen verlieren internationale Lieferketten, Know-how wandert ab, Investitionen werden anderswo getätigt. Die Schweiz riskiert, bei einem der wichtigsten europäischen Wirtschaftstreiber der kommenden Jahrzehnte Zuschauerin zu bleiben und abgehängt zu werden.


Und nun auch noch: die 10-Millionen-Schweiz

Als ob diese Faktoren nicht reichen würden, kommt ein weiterer Sturmfront hinzu: die Debatte um die sogenannte 10-Millionen-Schweiz. Neueste Umfragen zeigen gemäss NZZ am Sonntag, dass die SVP-Initiative für einen Bevölkerungsdeckel intakte Chancen hat. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Zustimmung am rechten Rand, sondern die Wachstumsmüdigkeit bis weit ins bürgerliche Zentrum hinein. Damit bekommt der Perfect Storm eine zusätzliche Dimension: Ein Land, das wegen Alterung, Fachkräftemangel, Innovationsdruck und globalem Wettbewerb auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen bleibt, diskutiert ernsthaft über ein freiwillig auferlegtes Zuwanderungslimit. Das ist standortpolitisch eine ziemlich mutige Wette.


Natürlich ist das Unbehagen real. Volle Züge, teure Wohnungen, Druck auf Infrastrukturen, überlastete Agglomerationen, Kulturlandverlust, steigende Mieten – all das kann man nicht einfach wegwischen. Doch anstatt Disziplinen wie etwa Raumplanung, Städtebau, Denkmalpflege oder sonstige Verdichtungsbremser zu reformieren oder zu entmachten, lässt man preistreibende Effekte im Wohn- und Baulandbereich seit über einem Jahrzehnt stillschweigend zu. Ein starrer Bevölkerungsdeckel wäre keine Lösung für das eklatante Verdichtungsversagen in der heutigen Planungs- und Bewilligungswirtschaft. Doch die Schweiz will sich nicht mehr fragen: Wie schaffen wir Wohnraum, Mobilität, Energie, Schulen, Spitäler und produktive, zukunftsgerichtete Arbeitsplätze für eine qualitativ wachsende, alternde und international verflochtene Gesellschaft? Sie will stattdessen ausrufen: Wir stoppen die demografische Realität. Das ist Wachstumsmüdigkeit im Verfassungsrang.


Demografisches Aussterben als verdrängte Realität

Die Schweiz diskutiert über Zuwanderung häufig so, als wäre sie ein Luxusproblem. Tatsächlich ist sie vor allem eine demografische Notwendigkeit. Ohne Zuwanderung altert das Land schneller, schrumpft die Erwerbsbevölkerung, verschärft sich der Fachkräftemangel, geraten Sozialwerke stärker unter Druck und verlieren Unternehmen ihre Wachstumsbasis. Der Begriff mag hart klingen, aber standortpolitisch geht es um nichts weniger als um die Vermeidung eines schleichenden demografischen Aussterbens. Ein Land kann nicht gleichzeitig mehr Pflege, mehr Sicherheit, mehr Infrastruktur, mehr Innovation, mehr Rentenstabilität, mehr Energiewende und mehr industrielle Resilienz verlangen – und gleichzeitig die dafür nötigen Arbeitskräfte, Unternehmer, Forschenden, Ingenieurinnen, Ärztinnen, IT-Spezialisten und Handwerker ausgrenzen. Die Vorstellung, man könne Wohlstand einfach konservieren, ist ein Irrtum. Wohlstand ist ein laufender Prozess des Besserwerdens.


Qualitatives Wachstum gibt es nicht zum Nulltarif

Oft lautet die Ausweichformel: Wir brauchen kein quantitatives Wachstum mehr, sondern qualitatives Wachstum. Das klingt vernünftig. Und natürlich ist richtig: Wachstum muss produktiver, ressourcenschonender, räumlich intelligenter und sozial breiter abgestützt werden. Aber qualitatives Wachstum ersetzt nicht einfach Menschen, Investitionen und Märkte. Genau hier liegt die politische Selbsttäuschung: Links-Grün träumt vom Wachstum ohne Ressourcenverbrauch. Rechtsbürgerliche Kreise träumen vom Wachstum ohne Zuwanderung. Beide unterschätzen, dass Wohlstand reale Voraussetzungen hat: Flächen, Energie, Netze, Menschen, Kapital, Akzeptanz, Produktivität und Unternehmergeist.


Der Perfect Storm ist hausgemacht

Setzt man die Elemente zusammen, entsteht das Bild eines hausgemachten "Perfect Storm":

Life Sciences geraten unter internationalen Investitionsdruck. Der Rohstoffhandel wird moralisch und regulatorisch in die Defensive gedrängt. Der Bankenaufseher reguliert seine letzte Grossbank in eine ungewisse Zukunft. Defence Technologies werden als europäischer Wachstumstrend verkannt. Gleichzeitig diskutiert das Land über einen Bevölkerungsdeckel, obwohl Alterung und Fachkräftemangel die Erwerbsbasis untergraben. Dazu kommen Wohnungsnot, Infrastrukturüberlastung, Energieunsicherheit, Wachstumsmüdigkeit und der gefährliche Irrglaube, man könne von den Errungenschaften der Vergangenheit leben.

Das ist keine normale politische Wetterlage mehr. Das ist ein perfekter Sturm der Standortentwicklung.


Woher kommt unser Wohlstand

Die Schweiz braucht eine neue Standortpolitik, die ehrlich sagt, woher Wohlstand stammt: aus produktiven Unternehmen, internationaler Offenheit, qualifizierter Zuwanderung, Innovation, Kapital, Infrastruktur, Energie, Bildung, Forschung, Sicherheit und unternehmerischem Risiko. Und die Wirtschaftsakteure müssen ebenfalls aus der Deckung kommen. Unternehmen, Verbände, Handelskammern, Standortorganisationen, Hochschulen und Investoren müssen der Bevölkerung wieder erklären, woher Wohlstand kommt, wie man ihn verteidigt – und wie man sicherstellt, dass möglichst breite Teile der Bevölkerung daran partizipieren. Denn das ist der entscheidende Punkt: Wachstum ohne Teilhabe verliert Legitimität. Aber Teilhabe ohne Wachstum führt zur Verarmung. Wake up, Switzerland.


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