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  • AutorenbildRemo Daguati, CEO LOC AG

Standortförderung: Branche ohne Berufsethos?

Aktualisiert: 15. Aug. 2023

Die Wertschöpfung, welche Standortförderungsorganisationen bewirken, übersteigt meist deren Kosten um das Zigfache. Politisch wird der Bereich immer wieder kritisch beäugt, gerade wenn die Finanzierung von Programmen oder Stellen ansteht. Denn Standortförderung hat kaum Lobby. Das müsste nicht sein.


Talente, welche in Standortförderungen arbeiten, sind immer Quereinsteiger. Den Beruf kann man so nicht lernen. Frühere Tätigkeiten können unterschiedlicher nicht sein: Kommunikationsspezialistin, Banker, Unternehmensberaterin, Rechtsanwalt, Touristikerin, Raum- und Städteplaner, Immobilientreuhänderin, Geograf. Dies mag einer der Gründe sein, wieso sich diese Branche wenig um Aus- und Weiterbildung oder um Talentförderung kümmert. Mit der Verknappung des Fachkräftepotentials werden aber auch Standortförderungen gefordert, sich um den Nachwunsch zu bemühen.


Ausgeprägtes Wettbewerbsdenken

Und dann ist da ja auch noch das Wettbewerbsverhältnis unter den Organisationen. Wehe, eine Firma wählt den Nachbarstandort: dann geht das interne politische Rasseln los. Im schlechtesten Fall ist Köpferollen angesagt. Dieser Umstand verhindert oft eine stärkere Kooperation über die Grenzen zum Nachbar hinweg. Zudem werden oft innovativste und wertschöpfungsstarke Firmen vom Ausland angesiedelt, was bei den traditionell geprägten ansässigen Unternehmensverbänden und dem Gewerbe nicht nur Freude, sondern gerade in Zeiten des Fachkräftemangels regelrechte Verdrängungsängste auslöst. So geniesst eine Standortförderung im Inland nur wenig Freunde. Vergessen wird dabei, dass durch Ansiedlungen von Firmen massgebende Wertschöpfung entsteht. Verschiedene Studien gehen im Mittel davon aus, dass mit einem Ansiedlungsprojekt 30'000.- bis 70'000.- Franken pro Arbeitsplatz über die Steuererträge bei den juristischen wie natürlichen Personen anfallen. Ein beträchtlicher, von der Politik völlig unterschätzter Wertschöpfungsfaktor.


Standortförderung ohne Branchenstrukturen

Auch wenn Führungspersonen in Standortförderungsorganisationen immer wieder beteuern, dass die Zusammenarbeit gut klappt: die Branche ist national schlecht organisiert. Zwar treffen sich Standortförderungen mit Promotionsaufträgen einmal jährlich zum grossen Investment Summit, doch die Veranstaltung ist ein interner Austausch und findet hinter verschlossenen Türen statt. Deren Organisatorin, Switzerland Global Enterprise (S-GE), darf und kann als Leistungsnehmerin der 26 Kantone und des Bundes im Bereich der internationalen Promotion der Schweiz im Ausland verständlicherweise auch nicht als Lobbyorganisation für die eigene Sache auftreten. Ähnlich ergeht es verschiedenen so genannten Greater Areas, in der sich verschiedene Kantone zusammengeschlossen haben.


Einzig die Schweizerische Vereinigung für Standortmanagement (SVSM)* ist in der Deutschschweiz für das Fachthema gut etabliert, wobei der SVSM auch einzelne Mitglieder aus der West- und Südschweiz zählt. Der Verband positioniert sich nicht nur in der Promotion, sondern verbindet Marketing- mit Entwicklungsthemen und schlägt dabei direkte Brücken zur Immobilienwirtschaft. Das Engagement des Verbands umfasst Vernetzungsanlässe, jährlich wird ein SVSM Award für besondere Verdienste in der Standortförderung vergeben. Nach der Covid-Pandemie erfreut sich der Verband als Plattform über einen regen Austausch. In Zukunft sollen neue Weiterbildungsformate auf Ebene Höherer Fachschulen und Fachhochschulen lanciert werden. Damit können die wenigen bereits bestehenden privaten Angebote ergänzt werden. Doch auch die SVSM hat keinen Lobbyauftrag, für eine Stärkung der Standortförderung bei Bund wie den Kantonen und Städten/Gemeinden einzustehen. Dafür müsste die Branche stärker zusammenstehen.


Die Talente von morgen formen

Der Standort Schweiz wird über Innovationen vermarktet. Und das ist auch gut so: ein Standort, der seine Innovationskraft von innen wie von aussen nicht erneuert, bleibt kaum mehr führend. Umso wichtiger wäre es, dass sich der Berufsstand der Standortfördererinnen und Standortförderer stärker formiert. Innovationen können nur mit Talenten in den eigenen Reihen glaubwürdig vermittelt werden. Als Berufsstand mit einem starken Berufsethos, im Engagement für Aus- und Weiterbildung und mit einer Verpflichtung für den eigenen Nachwuchs. Denn die Talente von morgen müssen heute schon geformt werden.


Exkurs: Instrument gegen den Aderlass bei Arbeitsplätzen

Die Installation von Standortförderungsorganisationen geht weit ins letzte Jahrhundert zurück. Nach bald drei Jahrzehnten Hochkonjunktur können sich viele Akteure den damaligen Zweck der Standortförderungsorganisationen kaum mehr vorstellen. Die Strukturumwälzungen in der Uhren-, Baustoff- und Textilbranche führten in gewissen Regionen zu massivem Stellenabbau und Massentlassungen. Der Aderlass war derart heftig, dass man in den Verwaltungen so genannte Standort- bzw. Wirtschaftsförderungen installierte. Deren Auftrag war klar: den Verlust weiterer Jobs stoppen, die Lücken mit neuen Arbeitsplätzen auffüllen, Prozesse beschleunigen. Die Standortförderungen waren so quasi die Förster nach dem Sturm, welche den Wald für den Neuaufwuchs herrichten sollten. Nachdem man in den 90er-Jahren aggressive Steuerpromotion betrieb, änderte sich das Werben im neuen Jahrtausend hin zu einem hochwertigen Technologiemarketing.



*Remo Daguati, Inhaber der LOC AG, engagiert sich dort im Vorstand.


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Im Bild: Verleihung der Awards durch die SVSM Schweizerische Vereinigung für Standortmanagement für die besten Projekte und an die verdientesten Persönlichkeiten, Begrüssung durch Beny Ruhstaller, Präsident SVSM





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