Qualitative Zuwanderung: Talentstrategie für die Schweiz
- Remo Daguati, CEO LOC AG

- 7. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Die Schweiz steht vor einem doppelten Druck: Sie benötigt dringend hochqualifizierte Fachkräfte, möchte aber die Gesamtzuwanderung begrenzen. Die Lösung liegt nicht in höheren oder tieferen Kontingenten, sondern in einer konsequent qualitätsorientierten Talentstrategie.
Eine solche Strategie verbindet Stipendien, vereinfachte Bewilligungen, gezielte Einschränkungen im Tieflohnsektor und innovative Finanzierungsmechanismen. Ein Blick auf internationale Best Practices zeigt, wie ein modernes Schweizer Modell aussehen könnte.
Talente gewinnen statt Masse verwalten
Der heutige Fokus auf Mengendebatten greift zu kurz. Die Schweiz sollte nicht primär darüber entscheiden, wie viele Menschen einwandern, sondern welche Qualifikationen und Zukunftskompetenzen sie ins Land holen will. Hochqualifizierte Arbeitskräfte in Technologie, Forschung, Gesundheit oder Ingenieurwesen sind für Innovation und Wohlstand unverzichtbar – und gleichzeitig schwer zu finden. Ein qualitativer Ansatz setzt genau hier an: Die Zuwanderung wird nicht reduziert, sondern differenziert. Die gezielte Förderung globaler Talente ersetzt das bisherige, eher reaktive System.
Stipendien als strategisches Rekrutierungsinstrument
Bereits heute vergibt die Schweiz mit den «Swiss Government Excellence Scholarships» Forschungsstipendien an ausländische Nachwuchstalente. Dieses Instrument könnte weiterentwickelt werden zu einem umfassenden Programm für internationale Studierende in MINT-Fächern, HealthTech, KI oder Robotik. Wer ein Stipendium erhält, soll nicht nur studieren, sondern mit einer klaren Verbleibsperspektive rechnen können. Andere Länder zeigen, wie wirkungsvoll das ist: Deutschland und Kanada etwa integrieren internationale Studierende systematisch in ihre Fachkräftestrategie. Sie gelten als Talentreserven, nicht als temporäre Besucher.
"Qualitative Zuwanderung statt Zufallsprinzip: eine Talentstrategie für die Schweiz"
Einfachere Bewilligungen für Hochschulabsolventen
Besonders wirkungsvoll wäre eine schweizerische «Global Talent Permit», die ausländischen Absolventinnen und Absolventen Schweizer Hochschulen automatisch einen vereinfachten Weg in den Arbeitsmarkt eröffnet. Auch für Top-Absolventen führender internationaler Universitäten könnte ein beschleunigtes Verfahren gelten, wenn sie in Mangelberufen arbeiten wollen. Vorbilder dafür existieren zahlreich: Kanada wickelt mit dem Global Talent Stream Visumsanträge innerhalb weniger Wochen ab, Deutschland bietet mit der EU-Blue-Card Pfade in den Daueraufenthalt, und das Vereinigte Königreich erlaubt über die Global Talent Visa selbständige Einreise für herausragende Fachkräfte.
Finanzierung über Zuwanderungsabgaben
Damit die Talentstrategie nicht zulasten der Allgemeinheit geht, bietet sich ein Lenkungsmechanismus an: Unternehmen, die ausländische Fachkräfte einstellen, leisten eine zweckgebundene Abgabe. Grossbritannien nutzt ein solches Modell bereits erfolgreich über die «Immigration Skills Charge». Die Mittel würden in der Schweiz in Stipendien, Sprachprogramme, Integrationsangebote und zusätzliche Ausbildungsplätze für die einheimische Bevölkerung fliessen. Wer vom globalen Talentmarkt profitiert, trägt so angemessen zum Standort bei.
Begrenzung unqualifizierter Zuwanderung – flankiert statt verdrängend
Parallel dazu braucht es eine ehrliche Diskussion über den Zuzug unqualifizierter Arbeitskräfte, insbesondere in Landwirtschaft oder anderen wertschöpfungsarmen Branchen. Statt weiterhin umfangreiche Kontingente für niedrigqualifizierte Tätigkeiten bereitzustellen, könnte die Schweiz Kontingente schrittweise reduzieren und konsequent an Produktivitäts- und Automatisierungsstrategien binden (z.B. Unterstützung für Robotik in der Landwirtschaft oder Pflege, bessere Mechanisierung im Tieflohnsektor). Die temporäre Migration könnte die Schweiz stärker saison- und projektgebunden gestalten, mit klaren Rückkehrperspektiven und strengerer Kontrolle. Oder aber man müsste die Anreizstruktur drehen: Unqualifizierte Arbeitsmigration wird nicht grundsätzlich verboten, aber sie wird teurer und stärker in Richtung Qualität gesteuert (Sprachkompetenzen, Mindestlöhne, Grundqualifikationen) oder ebenfalls mit Zuwanderungsabgaben besteuert (etwa bei Pflegekräften, die von Institutionen oder Haushalten entrichtet werden).
Internationale Best Cases als Orientierung
Moderne Einwanderungspolitik ist längst ein globaler Wettbewerb. Länder wie Australien, Kanada, Deutschland, Singapur oder das Vereinigte Königreich verfolgen klare Talentstrategien, die Studium, Arbeit und Niederlassung eng verzahnen. Sie setzen auf Tempo, transparente Kriterien und attraktive Perspektiven für Hochqualifizierte. Die Schweiz hat alle Voraussetzungen, in dieser Liga mitzuspielen – exzellente Hochschulen, hohe Lebensqualität, starke Innovationscluster. Was fehlt, ist ein konsistentes Gesamtkonzept zur noch gezielteren Ausrichtung der Migration.
Ein schweizerisches Migrationsmodell wie das Sackmesser
Eine qualitative Selektion in der Zuwanderung schafft kein Mehr an Bürokratie, sondern einen strategischen Vorteil. Sie ermöglicht gezielte Talentrekrutierung, reduziert Belastungen im Tieflohnsektor und sorgt für eine faire Finanzierung. Die Debatte verschiebt sich damit weg von abstrakten Obergrenzen hin zu einer zukunftsfähigen Frage: Welche Kompetenzen braucht die Schweiz – und wie gewinnt sie die besten Köpfe? Ein präzises Einwanderungsmodell, das auf Qualität statt Quantität setzt, wäre ein entscheidender Schritt zu nachhaltiger Wettbewerbsfähigkeit.




