Dark Factories und datengetriebene Infrastruktur – wenn Wertschöpfung kaum noch Arbeitsplätze braucht
- Remo Daguati, CEO LOC AG

- vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 9 Stunden
Die industrielle Produktion steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Mit dem Aufkommen sogenannter "Dark Factories" entstehen Produktionsanlagen, die nahezu vollständig automatisiert funktionieren.
Roboter, autonome Transportsysteme, Drohnen und zunehmend auch humanoide Maschinen übernehmen sämtliche Fertigungs- und Logistikprozesse. Die Fabrik kann theoretisch im Dunkeln betrieben werden – daher der Name. Menschliche Präsenz beschränkt sich auf Planung, Wartung und Überwachung, häufig sogar aus der Distanz.
Arbeitsgebiete ohne Arbeitsplätze
Parallel zu den Dark Factories entstehen neue Formen strategischer Infrastruktur: Hochleistungs-Rechenzentren, Datenplattformen und KI-Cluster. Diese Anlagen sind für die digitale Wirtschaft von zentraler Bedeutung, schaffen jedoch vergleichsweise genauso wenige direkte Arbeitsplätze. Ein Data-Center mit Milliardeninvestitionen beschäftigt im laufenden Betrieb oft nur wenige Dutzend Spezialisten. Ähnlich verhält es sich bei stark automatisierten Produktionsanlagen. Die Wertschöpfung und die strategische Relevanz für einen Wirtschaftsstandort sind zunehmend relevant, die Arbeitsplatzdichte hingegen gering.
Damit gerät ein Grundprinzip der schweizerischen Raumplanung zunehmend unter Druck. In vielen kantonalen und kommunalen Planungen wird die Nutzung von Wirtschaftsflächen stark über die Anzahl Arbeitsplätze legitimiert. Neue Gewerbe- und Industrieareale müssen oft einen bestimmten Arbeitsplatzbesatz nachweisen, damit sie politisch und planerisch akzeptiert werden. Zudem gibt es häufig Restriktionen zum Energieverbrauch, welche den besagten Trends zuwiderlaufen. Die angewandten Paradigmen stammen aus einer Zeit, in der industrielle Wertschöpfung unmittelbar mit vielen Arbeitsplätzen verbunden war.
Ist die Forderung nach Arbeitsplatzdichte ein Auslaufmodell?
Die neue Realität der automatisierten Produktion stellt diese Logik in Frage. Eine hochautomatisierte Fabrik oder ein strategisches Rechenzentrum kann volkswirtschaftlich enorm relevant sein – für Innovation, Exportfähigkeit oder technologische Souveränität – ohne eine grosse Zahl an Beschäftigten vor Ort zu generieren. Wenn Raumplanung jedoch primär nach Arbeitsplatzdichte bewertet, könnten genau jene Infrastrukturen benachteiligt werden, die für die nächste industrielle Phase entscheidend sind.
Für die Schweiz ergibt sich daraus ein strategischer Trade-off. Einerseits bleibt die Sicherung von Arbeitsplätzen ein politisches Kernziel. Andererseits müssen Standorte auch für neue Formen der Wertschöpfung offen bleiben, deren Nutzen sich weniger in der Anzahl Beschäftigter als in technologischer Leistungsfähigkeit, Investitionsvolumen oder strategischer Bedeutung zeigt.
Neue Bewertungen nötig
Eine mögliche Antwort liegt in einer erweiterten Bewertung von Wirtschaftsflächen. Statt ausschliesslich die Arbeitsplatzdichte zu messen, könnten zusätzliche Kriterien berücksichtigt werden: Investitionshöhe, Beitrag zu Schlüsseltechnologien, Integration in Forschungsnetzwerke oder Bedeutung für digitale Infrastrukturen. Auch hybride Areale – Kombinationen aus automatisierter Produktion, Forschung, Entwicklung und Dienstleistungen – könnten stärker gefördert werden.
Die Herausforderung besteht darin, die Raumplanung vom Industriezeitalter der Arbeitsplätze hin zu einem Zeitalter strategischer Wertschöpfung weiterzuentwickeln. Wenn es der Schweiz gelingt, diese Perspektive zu erweitern, kann sie auch im Zeitalter von Dark Factories, KI-Infrastruktur und hochautomatisierten Produktionssystemen ein führender Innovations- und Technologiestandort bleiben.




