• Remo Daguati, CEO LOC AG

Wenn das kollektive Gedächtnis den Aufbruch lähmt

Wirtschaftsstandorte haben durch Krieg, Umweltkatastrophen, Schadenfälle oder einen rasanten Strukturwandel massive Einbrüche bei Beschäftigung und Wertschöpfung erlebt. Manchen Standorten gelingt es, rasch aus dem Strudel des Niedergangs auszubrechen. Weshalb verharren andere Standorte über Jahrzehnte in Schockstarre?


Die Medien berichten von Betriebsschliessungen, Massenentlassungen, dem Wegzug von Schlüsselfirmen oder der Verlagerung von Arbeitsplätzen: ein Graus für jeden mit der Standortentwicklung verbundenen Entscheider. Doch wieseo gelingt es manchen Standorten, rasch neue Geschäftsfelder zu entwickeln und Wertschöpfungsanteile zurück zu gewinnen?


Kollektives Gedächtnis wird tradiert

Den Begriff des kollektiven Gedächtnisses führte der französische Soziologe Maurice Halbwachs in den 1920er Jahren ein, als er Zusammenhänge zwischen dem persönlichen Gedächtnis von Menschen und gemeinsame Erinnerungen von Gruppen aufzeigte. Unter einem kollektiven Gedächtnis versteht man die Gedächtnisleistung einer Gruppe von Menschen. Einzelindividuen erinnern sich an vergangene Ereignisse, sie tauschen sich aus, erkennen Gemeinsamkeiten und machen die Erfahrung, dass sie sich bei Bedarf auf das Gedächtnis der anderen stützen können. Manche Ereignisse werden derart hochrangig eingeschätzt, dass sie von der gesamten Region erinnert werden und der Gemeinschaft einen geistigen Zusammenhalt geben.


Verankerung und Verstetigung kann zu Stillstand führen

Um solche kollektiven Erinnerungen dauerhaft zu verankern, wird eine Erinnerungskultur geschaffen. Dazu gehören unter anderem Denkmäler, Feste und Riten. Wie das individuelle Gedächtnis unterliegt auch das kollektive Gedächtnis einem Selektionsprozess. Dunkle Kapitel werden nicht selten verdrängt oder beschönigt. Das kollektive Gedächtnis einer Region und seiner Elite wird folglich tradiert und an die folgenden Generationen weitergegeben. Dabei gehen die Folgegenerationen unterschiedlich mit dem Erbe um:


  • Die 1. Generation, die einen Schicksalsschlag direkt erfahren hat, schweigt oft bis kurz vor dem Tod über die Geschehnisse und beginnt in den letzten Lebensjahren, das Erbe der Vergangenheit zu thematisieren und gegen jegliche Neuerungen, gegen jegliches Vergessen zu verteidigen.

  • Die 2. Generation wird durch das jahrelange Schweigen der Eltern traumatisiert und kann sich erst nach dem Tod der Eltern frei äussern. Diese Generation steht dann bereits kurz vor dem Pensionsalter. Allzu oft verteidigt sie aber die Errungenschaften der Vergangenheit und möchte das Erbe der Eltern auch über Manifestationen und kulturelle Leistungen – Museen, Jubiläumsbücher, Chroniken etc. – bewahren helfen und so auch die Weitergabe an künftige Generationen sicherstellen. Das kollektive Gedächtnis wandelt sich aber immer wieder. In Gruppen oder innerhalb einer Region findet von Zeit zu Zeit eine Neubewertung von Erinnerungen statt.

  • Meist die 3. Generation lehnt sich gegen die alten Sitten und Bräuche auf und beginnt über kulturelle Verarbeitung (Texte, Bücher, Theater etc.) gegen das Schweigen, das Nichtansprechen und Ausklammern von Veränderung sowie Bewahren anzugehen. Diese Generation ist in der Blüte des Erwerbslebens, hat neue Ideen und will diese umsetzen. Sie scheitert oft am Widerstand der 1. Generation (sofern diese noch lebt) oder der 2. Generation, welche die Vergangenheit der Eltern verteidigt, den Wandel aussitzt und wirtschaftlichen, politischen und sozialen Druck auf die Veränderungswilligen ausübt, um das tradierte Gedächtnis zu bewahren. Viele Vertreter der 3. Generation wandern deshalb aus, da sie ihre Ideen nicht in ihrer Heimat realisieren können. Sie wagen die Umsetzung ihrer Projekte an anderen Standorten oder im Ausland.

  • Erst die 4. Generation, meist die aktuell heranwachsende Generation, ist vom Trauma eines Niedergangs nicht mehr berührt und fühlt sich frei, mit der Vergangenheit zu brechen. Diese Generation kann einen Wandel in einer Region einleiten und – sofern bei diesem Standort noch ausreichen Substanz vorhanden ist – eine Wirtschaftsregion zu neuen Stärken führen.


Erinnerungen neu verhandeln - Aufbruch gestalten

Bei der Entwicklung von Wirtschaftsstandorten kann die aktive Thematisierung kollektiver Gedächtnisse helfen, Negativspiralen zu durchbrechen und neue Themenfelder zu gestalten. Durch bewusste Impulse von aussen können Standorte so wieder zum Aufbruch geführt werden – und ihre Zukunft wegweisend gestalten.


Neuauflage eines ursprünglichen Blog-Beitrags aus November 2018:

https://www.loc.ag/post/2018/11/11/kollektives-gedaechtnis-hemmt-aufbruch




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